Schulstiftung St. Benedikt

Login



Hohenschönhausen – ein Erfahrungsbericht einer 10. Klasse


von Johannes Grote

Im Rahmen der Jahrgangsfahrt nach Berlin besuchte jede der fünf 10. Klassen ein Seminar im ehemalingen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Über einen dieser Seminarbesuche berichtet Johannes Grote für die 10a:

Am Donnerstag war früh aufstehen angesagt, denn wir mussten bereits um acht Uhr in Richtung Hohenschönhausen aufbrechen.
Nachdem wir um 8:20 Uhr die U-Bahn nehmen konnten und weil wir zwischenzeitlich die falsche Tram genommen hatten, kamen wir um 9:20 Uhr endlich in Hohenschönhausen an. Dort erwartete uns Sigmar Faust, ein Zeitzeuge. Zeitzeuge klingt vielleicht harmlos. Es bedeutet, dass Sigmar Faust in der SED-Diktatur wegen unglaublicher Vorwürfe in einem Gefängnis bei Cottbus inhaftiert war.
Nach einem Kurzfilm, der uns in die Geschichte des Gefängnisses einführte und uns ein paar Einzelschicksale sowie Phasen der Haft vermittelte, wurden wir über die Lage des Gefängnisses, welches sich in einem Sperrgebiet befand, aufgeklärt. Anschließend wurden wir in das vom Tageslicht abgeschottete Kellergewölbe der Anlage geführt. Dort zeigte uns Sigmar Faust einige Einzelzellen und Gemeinschaftszellen, welche Tag und Nacht künstlich beleuchtet wurden und einen Menschen in den Wahnsinn treiben konnten. Die Zellen bekamen den Namen „U-Boot". Danach klärte uns der Zeitzeuge über die verschiedenen Zellentypen auf, wie zum Beispiel die Wärmezellen, die stark überheizt wurden. Mehrmals sprach er über verschiedene Personen und deren Schicksale, die einen jeden von uns immer wieder stutzen ließen. Als nächstes erklärte er uns die Transportwege, auf denen die ,,Schuldigen" in die Gefängnisse abtransportiert wurden. Außerdem berichtete uns Sigmar Faust von den Verhörmethoden sowie den Phasen der Stasi-Beobachtung vor der Inhaftierung. Immer wieder gab er uns lebendige Einblicke in die Vergangenheit, zum Beispiel, als er uns unvermittelt wie ein Stasioffizier anbrüllte und uns damit sofort einschüchtern konnte.
Dann schilderte er uns sein Schicksal von der Inhaftierung über das Erkennen des Klopf-Alphabetes bis zur Entlassung aus dem Gefängnis. Er gab uns seinen Erlebnisbericht über die eigene Entwicklung im Umgang mit der Haft sowie seine vielen erfolgreichen Eröffnungen weiterer Gedenkstätten, um die schreckliche Zeit der SED-Diktatur in den Menschen wach zu halten, damit so etwas nicht noch einmal (in Deutschland) vorkommt.
Und damit noch nicht genug! „Denkt an mich, falls ihr selbst einmal in eine so schreckliche Situation kommen solltet, wie sie mir während der SED-Diktatur widerfahren ist. Auch wenn es einen - besonders in den ersten Tagen der Haft ‒ beinahe wahnsinnig werden lässt", gab Siegmar Faust uns sehr nachdrücklich seine Überlebenstipps mit. „Gebt euch nicht auf! Zählt bis tausend oder sagt euch im Stillen einmal auswendig gelernte Gedichte auf, damit ihr nicht verrückt werdet! Vor allem: Versucht ruhig zu bleiben!" Natürlich wünsche er heute niemandem, was er und viele andere in den Stasi-Gefängnissen erlitten hätten, aber so etwas gebe es „zu jeder Zeit irgendwo auf der Welt", so Sigmar Faust.
Mehr als 27 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR Jahre war es für uns eine lebendige Lehrstunde fürs Leben, an einen solchen Ort zu kommen, an dem wir so dunkle Zeiten der jüngsten deutschen Vergangenheit ausgesprochen anschaulich und lebendig nachempfinden konnten. Ebenso waren wir erschrocken über die Raffinesse, mit der Systemgegner gequält wurden, sowie die systematische Zerstörung des Menschen mit Hilfe der operativen Psychologie. Viele von uns wunderten sich, wie ein Mensch in der totalen Isolation, manchmal ohne zu wissen, was er „Schlimmes" getan haben sollte, in einer solchen Zelle noch leben und überleben konnte.
Wir mussten ebenfalls realisieren, dass diese Zeit, in der Menschen gnadenlos in Gut oder Böse bzw. als Befürworter oder Feinde des Systems eingeordnet wurden, im Grunde doch noch so nah ist, was uns zugleich vor Augen führte, dass auch unsere Demokratie heute immer sehr zerbrechlich ist. „Lasst euch vom Wohlstand, in dem wir heute leben, nicht blenden!", mahnte uns unser Zeitzeuge zum Abschluss seines dreistündigen Seminars, „denn wenn es einem gut geht, hält man es schnell für selbstverständlich, aber hört nicht auf, alles kritisch zu hinterfragen! Übernehmt Verantwortung, nur so könnt ihr die Demokratie schützen; sie hat es nötig!"
Und dann ist da noch die äußerst unwahrscheinliche „Kette der glücklichen Zufälle" ‒ wie Siegmar Faust selbst sagt ‒, die am Ende zu seiner eigenen Freilassung im Jahre 1976 geführt hat und uns emotional ganz besonders berührt hat. Was sich für ihn immer noch „wie ein Wunder" anfühlt, hat er nach seinen Angaben ein paar engagierten Freunden um Wolf Biermann und zuletzt auch Erich Honecker selbst zu verdanken, der - für alle Beteiligten völlig überraschend - seine Freilassung angeordnet habe. Bei aller persönlichen Dankbarkeit dafür lässt Faust jedoch keinen Zweifel an seiner unversöhnlichen Haltung gegenüber dem politischen System der DDR und damit auch gegenüber Erich Honecker: Wer kritische Bürger zu Staatsfeinden erklärt und sie gezielt und nachhaltig in ihrer Persönlichkeit traumatisiert habe, dem könne er ein solches Verbrechen niemals verzeihen. Gegner, die eine andere Meinung oder Weltanschauung als er verträten und mit denen man darüber ernsthaft streiten könne, könne er sehr wohl achten und lieben, nicht aber erklärte Feinde, die darauf aus seien, Andersdenkenden jede Freiheit oder gar das Leben zu nehmen. Und Faust resümiert: Das könne - „im Ernst!" - auch Jesus mit seinem Gebot der Feindesliebe nicht gemeint haben.
Eine Woche nach diesem so nachdenklich stimmenden Seminar in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sind sich alle in unserer Klasse einig: Das war ein ganz besonderes, wenn nicht das Highlight unserer Berlinfahrt!
Home